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Dr. Gabriele Junkers
Diplom-Psychologin, Lehranalytikerin und Gerontologin.
Seit 1986 freiberufliche Praxis für Psychoanalyse in Bremen.
Gegenwärtig Generalsekretärin der Europäischen Psychoanalytischen Föderation.
Schwerpunkte ihrer Arbeit bilden neben der Psychoanalytischen Therapie die Supervision, Teamberatung und Organisationsentwicklung sowie Coaching für Führungskräfte.
Verschiedene Veröffentlichungen zur Gerontologie, Psychoanalyse und Supervision.
1999 Beitrag zur Ausstellung "Cyberblau & Pfirschblüt" des Design Zentrums Thüringen, die sich mit Goethes Farbenlehre beschäftigte.

Dr. Gabriele Junkers, Bremen
Die Iris im Dienst der Gefühlswelt:
Zur psychologischen Wirkung der Farbe



Hauptziel der Farbpsychologie ist die "Feststellung möglichst eindeutiger Beziehungen zwischen Farben als Erscheinungen und den ihnen entsprechenden psychischen Begebenheiten". Es geht also darum, welches Spektrum menschlichen Erlebens durch sie ausgelöst werden kann. Sie haben eine Psychoanalytikerin und Psychologin, nicht aber einen Experimentalpsychologen oder einen Psychophysiker des Farbsehens gebeten, um mit Ihnen über die psychologische Wirkung von Farben zu diskutieren. Das bedeutet, daß Sie sich einen Schwerpunkt der Diskussion aus der subjektiven Sicht auf die psychologische Wirkung von Farben erwarten. Ich werde mich deshalb nicht mit den physikalischen und biologischen Grundlagen oder der Psychophysik beschäftigen sondern möchte Material zum Nachdenken zu folgenden Punkten geben:

1. Einleitung
2. Der Weg vom Außen zum Innen
3. Die Farbsymbolik
4. Farbe, Persönlichkeit und Gefühlswert
5. Von der reinen Farbe zur Farbgestaltung
6. Die Bedeutung der Farbe für seelische Innenräume.


1. Einleitung

Farben existieren in der Natur, schon lange bevor es Menschen gab; sie prägen bis heute ihren Lebensraum. Zitronengelb, Feuerrot, Meergrün: So benennen wir verschiedene Farben je nach ihren Erscheinungsformen in der Natur. Dort unterliegen die Farben einem fortwährenden Veränderungsprozeß: Grüne Blätter werden gelb und braun, bevor sie beginnen, vom Baum zu fallen, bevor sie sterben. Grüne Farne werden zu schwarzer Kohle und graue Felsen zu Sand. Indem Farben ihrem Ursprung nach ein Zeichen des Lebendigen sind, sind sie auch ein spezifisches Zeichen von Entwicklung und Veränderung, nämlich der Vergänglichkeit. In der Natur geben Farben Hinweise auf Stadien der Entwicklung. So tragen beispielsweise reife Früchte ihre Farbe wie ein Signal.
Der Mensch machte sich daran, Farben und Formen, die er in der Natur sah, nicht nur vor der Vergänglichkeit zu bewahren, sondern sich der Möglichkeit ihrer Verwendung aktiv zu bemächtigen, d.h. auch den ursprünglich vorgegebenen Zusammenhang zwischen Ding und Farbe aufzuheben, oder gar willkürlich zu verändern.
Forscher konnten inzwischen nachweisen, daß der Ursprung für Farbbezeichnungen auf das Umfeld des Menschen zurückzuführen ist. So zeigt sich z.B., daß die Nähe des Äquators mit der damit einher gehenden intensiveren UV-Strahlung dazu beiträgt, daß grün, blau und schwarz begrifflich häufiger zusammenfallen. Die Innuits haben dagegen viele Namen für die Farbe Weiß, weil sie in ihrer Umgebung aufgrund von Schnee und Eis eine besondere Rolle spielt. So schuf sich der Mensch entsprechend seiner Umgebung und seines Kulturkreises aus den Farben seine eigene Bedeutungswelt: Kultfarben, Symbolfarben, Signalfarben, Farben zur Zierde. Dies geschieht in verschiedenen Kulturen auf ganz unterschiedliche Weise: So z.B. ist "Gelb" die Farbe Buddhas und die traditionelle Hochzeitsfarbe Indiens. Für die Frauen des Rajput Stammes dagegen ist "Gelb" die Farbe der Fruchtbarkeit. Farben gehören also unzertrennlich zum menschlichen Leben wie auch zur Entwicklung.

2. Der Weg vom Außen zum Innen

"Was wir als farbige Welt wahrnehmen, ist eigentlich nur für unser Sinne vorhanden, während in der Welt die objektive Farbe nichts anderes darstellt als eine gewisse Wellenbewegung." So führt uns Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, in sein Anliegen ein, die Goethe'sche Position gegenüber der Newton'schen genauer herauszuarbeiten.
Die Arbeit an seiner Farbenlehre, die schlußendlich 1820 in vier Bänden auf 925 Seiten erschienen ist, hat Goethe über 20 Jahre begleitet. Heute noch wegweisend sind seine psychologischen Interpretationen der sichtbaren Farben sowie die Untersuchung ihrer Wirkung auf die menschliche Gefühlswelt. Anders als Newton ging es Goethe nicht um die Erklärung des Phänomens Licht, sondern um das Verstehen der Erscheinung und Wirkung von Farbe; so ist er im Gegensatz zu Newton von der besonderen Einheitlichkeit des weißen Lichts überzeugt. Das Phänomen der subjektiven Nachbilder, der farbigen Schatten, Täuschungen bei Helligkeitsunterscheidungen zweier Flächen sowie die subjektive Natur farbiger Kontrasterscheinungen sind z.B. Gegenstand des physiologischen Teils seiner Ausführungen. Im psychologischen Teil, der sinnlich-sittlichen Wirkung von Farbe unterscheidet er zwei Hauptgruppen: die Plusseite (gelb, rotbgelb, gelbrot) und die Minusseite (blau, rotblau, blaurot). Angeregt zu diesen Forschungen wurde er durch die Lektüre von Aristoteles. Eine eingehende Untersuchung von Farbfragen beginnt in unserem Kulturkreis erst im 17.Jahrhundert und ist mit Namen von Descartes und Kirchner verbunden. Die Tatsache, daß Goethe's Prinzip der "reinen", direkten subjektiven Erfahrung nicht haltbar ist, oder daß seine Deutungen keineswegs immer so objektiv-wissenschaftlich sind, wie er es darstellt, schmälert sein Werk nicht.
Die Wahrnehmung ist ein äußerst komplexer Vorgang; Sehen ist nicht gleichzusetzen mit Wahrnehmen, denn die Bilder, die unser Auge registriert, unterscheiden sich von denjenigen, die durch das Gehirn in unser Bewußtsein gelangen. Die erlebte Wirklichkeit ist nichts anderes als eine Vorstellung, bei der gleichzeitig Sinnesorgane gereizt werden (Stadler&Kruse, 1992).

Lassen Sie mich die Entstehung des Farberlebnisses anhand der Abb.1 verdeutlichen.
Elektromagnetische Schwingungen aller Frequenzen treffen auf die Oberfläche von Objekten. Die Oberflächen haben verschiedene physikalische Eigenschaften, die die Ursache dafür sind, daß ein Teil der elektromagnetischen Schwingungen wieder reflektiert wird und andere von der Oberfläche absorbiert werden. Die reflektierten elektromagnetischen Schwingungen der nicht absorbierten Frequenzen treffen auf das menschliche Auge. Dort werden sie durch die Linse gebündelt und auf die Netzhaut projiziert. Die lichtempfindlichen Zellen auf der Netzhaut wandeln elektromagnetische Schwingungen in Nervenimpulse um, die zunächst den Hinterhauptslappen und dann auch andere Teile der Großhornrinde erreichen. Es entstehen Erregungen, deren subjektiver Ausdruck die Objekte der Umwelt und ihre Farben sind. Die Farberlebnisse basieren ihrerseits auf der Erinnerung an frühere Beobachtungen und sind deshalb von Gedächtnis und Erfahrung abhängig. Das individuelle Farberlebnis wie auch die individuelle Erfahrung sind in kulturell-gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet, die, ihrerseits über Sprache vermittelt, die Bedeutung der Farbqualitäten determinieren.
Mit anderen Worten: Unser Körper reagiert nicht auf die "objektive" Wirklichkeit, im Fall der Farbe auf Wellen unterschiedlicher Wellenlänge, sondern auf das, was er für die Wirklichkeit hält; erst die Verarbeitung in unserem Gehirn in Kombination mit dem, was wir "Seele" nennen, macht aus dem vom Auge aufgenommenen physikalischen Reizmaterial der Umwelt das, was man als visuelle Wahrnehmung bezeichnet. Erst die Seele verknüpft das Gesehene mit Bedeutung, und dies kann unbewußt oder bewußt sein.


3. Die Farbsymbolik

In allen entwickelten Kulturen treten Farben als Symbole auf. Wie alle Symbolik ist auch die Farbsymbolik mehr- bzw. vieldeutig. So stehen Farben als Symbole nicht nur für Verschiedenes, sie können auch zugleich Extreme und Gegensätze ausdrücken. Es ist deshalb unmöglich, von einer allgemeingültigen Farbsymbolik zu sprechen. Ich möchte zunächst auf einige verschiedene Aspekte eingehen.

3.1. Entwicklungsgeschichte der Farbnamen
Die Erforschung der verschiedenen Farbenvokabulare war seit den sechziger Jahren eines der expansivsten Forschungsgebiete überhaupt: Durch Untersuchungen zu den verschiedensten Kulturen wissen wir eine ganze Menge über die Struktur des "Farbdenkens", wie es sich in Sprache artikuliert, und doch wissen wir sehr wenig darüber, wie sich diese Strukturen herausgebildet haben und in welcher Beziehung sie zum konkreten Erleben stehen.
Die Untersuchung der Entwicklungsgeschichte der Farbnamen gibt uns einen ersten Einblick in die allgemeine menschliche Farbwahrnehmung:
In 89 lebendigen Sprachen wurden die Farbnamen untersucht (Berlin&Kay, 1969). Weltweit geht die Entwicklung der Farbnamen von der sogenannten Grauleiter aus, d.h. mit dem groben Muster hell-dunkel. Differenziert sich die Sprache, so folgt in allen Sprachräumen als erste chromatische Farbe Rot. Die Grundfarben waren in fast allen Sprachbereichen einsilbig benannt. Insgesamt ließen sich bei dieser Untersuchung nicht mehr als 11 eindeutige Farbzuordnungen finden: Neben den 3 unbunten Farben schwarz, grau und weiß waren es rot, grün, gelb, blau, braun, rosa, violett und orange.

3.2. Farben im Volksmund
Fortfahren möchte ich mit dem Volksmund. Seine Eigenarten fußen oft auf tiefgründigem Wissen, so auch in der Verbindung zwischen Gefühlen und Farben. So ist die symbolhafte Verbindung von Farbe mit Gefühlen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Wenn wir sagen: "Er hat ein buntes Leben gehabt.", so betonen wir damit auf positive Weise die Vielfalt. Sagen Sie: "Das wird mir aber zu bunt." verweisen sie damit auf die verwirrende, negativ empfundene Vielfalt und Unübersichtlichkeit, die so groß wird, daß sie nicht mehr tolerabel ist.
Wer "Farbe bekennt", bezieht eine klare Stellung, "ich sehe rot" bezeichnet deutlich einen anderen Gefühlszustand als "ich sehe schwarz": im ersten Fall ist gemeint, ich laufe Gefahr, von meiner heftig-erregten Gefühlswelt überrollt zu werden, im impulsiven wie auch aggressiven Sinne, im letzteren ist gemeint, daß eine düstere, hoffnungslose Zukunft erwartet wird. Wir sagen auch, jemand sei "grün vor Neid", (vermutlich eine Verknüpfung zwischen der grün-gelben Farbe der Galle und dem Affekt Ärger). In der englischen Sprache schließlich bezeichnet "blue" melancholisch, trübsinnig.

3.3. Welche Farben werden bevorzugt: Die Präferenzforschung
Wenden wir uns zunächst einigen ausgewählten Untersuchungen zu, die versuchen, die psychologische Wirkung der Farbe objektiv zu erfassen. Mit "objektiv" ist hier die experimentelle, d.h. wiederholbare Untersuchung des Farberlebnisses gemeint. Eine demoskopische Umfrage im Rahmen der sogen. Farbpräferenzforschung ergab, daß 88 % der Befragten eine bestimmte Farbe bevorzugten, bzw. sich mit ihr identifizieren konnten. Bei der Untersuchung von Vorlieben für verschiedene Farben (Farbpräferenzen) ergeben transkulturelle Vergleiche eine erstaunlich stabile Rangreihe der Farbeinordnungen. Blau-grün & weiß-rot & gelb-grau-schwarz, so lautet etwa die Präferenzreihe. Autoren dieser Forschungsrichtung (z.B. Adams& Osgood, 1973) sehen diese Befunde in einem biologisch begründeten, sogen. ästhetischen Universalfaktor begründet.
Gegen diese Untersuchungen ließe sich jedoch ins Feld führen, daß sich z.B. Kinder in ihren Farbpräferenzen durch Lernexperimente beeinflussen lassen. Der Farbpräferenzforschung entnehmen wir, daß die individuelle Farbbevorzugung im Erwachsenenalter als recht stabil angesehen werden kann.
In der Abb. 2 sind die Ergebnisse einer Umfrage wiedergegeben, bei der 2000 Frauen und Männer aller Altersgruppen in Deutschland nach ihrer Lieblingsfarbe befragt wurden. Es ergab sich eine eindeutige Zweidrittelmehrheit für Blau-Rot-Grün: 70% der Bevölkerung bevorzugt eine der Primärfarben vor allen anderen Farben (Heller 1989).
Mein kritischer Einwand in bezug auf derartige Untersuchung bezieht sich auf die Tatsache, daß diese Bevorzugungen mental erfaßt werden, d.h. sich auf die "gedachte" Farbe beziehen und wir nichts darüber wissen, welche subjektiven Unterschiede in der Vorstellung existieren.

3.4. Die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung von Farbe
Dazu ein Beispiel: Die Kirche kennt 5 Symbolfarben: Weiß als Farbe der Engel und Heiligen und Unschuldigen; Rot als Farbe der Märtyrer und des Blutes; Grün als Farbe der Hoffnung und der göttlichen Gnade; Violett als Farbe der Buße; Schwarz als Farbe der Trauer. Blau wird als liturgische Farbe nicht ausdrücklich genannt, obwohl die Jungfrau Maria auf den meisten Abbildungen des Mittelalters in einen blauen Mantel gehüllt ist.
Für unseren Kulturkreis hat Heller (1989) eine empirische Untersuchung zur emotionalen Zuordnung von Farben und Begriffen vorgelegt. In dieser Untersuchung sollten vorgegebene Begriffe maximal 2 Farben zugeordnet werden. So fand sie Eigenschafts- und Gefühlsspektren, aus denen Bedeutungsfelder für jede einzelne Farbe abgeleitet werden konnten.
Abschließend habe ich eine Übersicht von Farbbedeutungen für Sie zusammengestellt, die das Farbbedeutungsbarometer verschiedene Farben nach Heller mit anderen Bedeutungen wie z.B. dem Farb-Pyramiden-Test und den Farbwerten bei Goethe in einen Vergleich setzt.
Ein anderer Zugang zur symbolischen Bedeutung von Farbe eröffnet sich durch die sogen. Assoziationsexperimente. Die Ergebnisse zeigen, daß verschiedene Farben einen unterschiedlich eindeutigen Assoziationshof haben. So werden etwa der Farbe "Rot" bei diesen Untersuchungen gleichbleibend Begriffe aus dem Bedeutungsrahmen von "stark", "mächtig", "erregend" zugeordnet und der Farbe Blau "sicher", "stark", "behaglich". Anders sieht das Ergebnis bei der Farbe "Grün" aus, wo sich die Assoziationen von "Gift" über "gesund" bis zu "unglücklich" erstrecken.
Beide Untersuchungswege deuten darauf hin, daß jeder Farbe positive wie negative Eigenschaften zugeordnet werden und bestätigen damit Goethe's Befunde der Unterteilung der Farbskala in eine Plus- und eine Minusseite.

3.5. Trotz der Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit gibt die Farbsymbolik einen ersten Hinweis darauf, daß Farben in einem engen Zusammenhang mit der affektiven Dimension des menschlichen Lebens und Erlebens stehen. Wenn die einzelnen Symbolwerte nicht direkt Affekte und Gefühle repräsentieren, so versinnbildlichen sie doch stark affekthaltige Vorgänge und Geschehnisse.

3.6. Die Erregungswirkung von Farben ist psychologischen Forschungsergebnissen zufolge die erfolgversprechendste Dimension, auf der Farbvorlieben Bedeutung für Persönlichkeitsunterschiede haben. So gehen verschiedene Autoren davon aus (z.B. Heiss& Halder, 1975), daß psychische Störungen durch abweichende Erregungsniveaus gekennzeichnet sind. Diese Annahme liegt dem sogen. Farb-Pyramiden-Test (FPT) zugrunde, einem Test, der verschiedene Persönlichkeitsbereiche diagnostizieren kann und der in der Lage ist, Teilaspekte der Affektivität, des Gefühlslebens (wie z.B. emotionale Ansprechbarkeit, Kontaktverhalten, etc.), zuverlässig zu erfassen. Dabei sollen "schöne" und "häßliche" Pyramiden nach Vorlagen mit bunten Farbplättchen ausgelegt werden. Die Tatsache etwa, daß sich Persönlichkeitsveränderungen nach einer durchlaufenen Psychotherapie in veränderten Ergebnissen dieses Farbtests niederschlagen können, spricht den Autoren zufolge dafür, daß der FPT, auf wechselnde psychische Zustände anspricht, d.h. daß veränderte psychische Grundgestimmtheiten zu veränderten Farbwahlen führen. Interessanterweise fanden die Autoren des Tests den systematischen Ansatz der Goethe'schen Farbenlehre bestätigt. Insbesondere teilen sie die Ansicht, daß unterscheidbare und qualitativ andere Erregungszustände von den 2 von Goethe unterschiedenen Farbgruppen ausgehen, die er als Plus und Minusseite charakterisiert: Er ordnet gelb-rotgelb-gelbrot die Eigenschaften Regsamkeit, Lebhaftigkeit und Strebsamkeit zu und auf der anderen Seite blau-blaurot-rotblau der Unruhe, dem Bereich der sehnenden und weichen Empfindung zu. Dies entspräche der heutigen Unterscheidung in der Psychologie in Extraversion und Introversion.
Eines der für mich schönsten Beispiele in der Kunst zum ersteren sehe ich in dem Bild "Orange Gelb Orange" von Rothko, 1969.

Die Unterscheidung in aktive und passive Farben ist bereits von Goethe vorgenommen worden, aber die Beeinflussung des menschlichen Stoffwechsels durch Farbe ist bereits von Féré (1887; nach Gage) beschrieben worden. Dieser hatte bereits im Jahr 1887 den Einfluß von verschiedenen Farben auf die Muskeltätigkeit untersucht. Er schlug aufgrund seiner Ergebnisse vor, die Fenster von Irrenanstalten blau oder violett zu gestalten, um Hysteriker zu besänftigen. Damit knüpfte er an eine Mitteilung von Galton (1880) an (nach Gage 1999), der mitteilte: "Es gibt keinen Zweifel daß vom Blau eine beruhigende und vom Rot eine irritierende Wirkung ausgeht, denn die italienischen Ärzte halten es für sinnvoll, ihre reizbaren Patienten in einem Raum zu halten, der durch blaues Licht erhellt wird, und ihre apathischen Patienten rotem Licht auszusetzen." Inzwischen ist wissenschaftlich bewiesen, daß Rot die stärkste, violett die geringste Wirkung auf Muskelkontraktionen hat (selbst bei geschlossenen Augen). In seinem Ihnen sicher bekannten Buch "Gesetz der Farbe" hat Heinrich Frieling (1968) das expressive Wesen von Farben ausführlich beschrieben. Hieraus abschließend einige Beispiele:
Gelb-Rottöne stimulieren, wirken hypertonisch, sie werden dem Sympathikus zugeordnet; Blau-Grüntöne beruhigen, sind mit hypotonischen Effekten verbunden und werden dem Vagus zugeordnet. Goldstein weist darauf hin, daß die Beeinflußbarkeit durch Farbe bei Neurotikern und Psychotikern stärker ausgeprägt ist. Schließlich sei noch auf die Befunde von Goldstein & Jablonski (1932) hingewiesen, die fanden, daß bei Bestrahlung mit rotem Licht eher eine Bewegung der Arme vom Körper weg stimuliert wird, während bei blau-grünem Licht die Arme eher zum Organismus herangeführt werden.
Aber auch Kandinsky (nach Gage 1994) hatte bereits auf die Zentripetalkraft des blau sowie die Zentrifugalkraft des gelb hingewiesen.

Diesen wenigen ausgewählten Untersuchungen ist gemeinsam, daß sie sich nachprüfbar auf Gruppen von Untersuchten beziehen. Im Folgenden geht es mir hingegen mehr um die rein individuelle, subjektive Seite der Farbempfindung.

4. Farbe, Persönlichkeit und Gefühlswert:
Von der Wahrnehmung zur Empfindung


Zwischen der Tatsache, daß Farben sich zu Farbsyndromen zusammenschließen und alle Farben sich zu Farbsystemen einordnen lassen und jener, daß es Affekte, Affektbündel und eine Gesamtaffektivität gibt, besteht zunächst nichts mehr als eine formale Analogie. Geht man aber von der Tatsache aus, daß Farben immer als Repräsentant und Ausdruck des affektiven Lebens angesehen wurden, dann gewinnt diese Analogie eine tiefere Bedeutung.
Der Einfluß von Farben auf das Gefühlsleben ist auch von Künstlern, Dichtern und Malern immer wieder beschrieben worden. Im Altertum verdankte die Farbe ihre Wertschätzung vor allem ihrer vermeintlichen magischen und auch therapeutischen Wirkung. Farben wurden nämlich als Vermittler zu göttlichen Kräften verstanden und daher eher verehrt als ästhetisch bewundert.
"Farben sind die Sprache der Seele", sagt Goethe, Kandinsky äußert sich in seinem Buch "Über das Geistige in der Kunst" ebenso: "Im allgemeinen ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einfluß auf die Seele zu nehmen." Ob wir über eine sattgrüne Sommerwiese gehen, einen leuchtenden Sonnenuntergang sehen oder durch eine trostlose Betonwüste schreiten: überall nehmen wir Farbe wahr oder realisieren -bewußt oder unbewußt - ihren Verlust; denn Vorhandensein von Farbe wie auch das Nicht-Vorhandensein berührt uns.
Goethe sagt: "Die Menschen haben eine große Freude, Farben zu sehen; das Auge bedarf ihrer wie es des Lichts bedarf." Kandinsky differenziert: "Die Farbe ist die Taste, das Auge der Hammer, die Seele jedoch ein Klavier mit vielen Saiten." Beide legen die Analogie nahe, daß die Farben unsere sichtbare Umgebung ähnlich beeinflussen wie die Affekte und Emotionen das innerseelische Leben.

Kandinsky (1952) allerdings unterscheidet hinsichtlich der Wirkung von Farben eine rein physische von einer psychischen Wirkung. Er sieht das Auge als Sinnesorgan als durch die Eigenschaften der Farbe bezaubert oder gereizt, ähnlich dem Gastronom, der einen Leckerbissen im Mund habe. Für ihn sind jedoch diese Art von Sinneseindrücken oberflächlicher Natur, ohne daß sie einen dauernden Eindruck hinterlassen müssen. Er ist nämlich überzeugt, daß ein Sinneseindruck nicht unbedingt den Zugang zum Seelenleben finden müsse; das wirklich gefühlshafte Erleben könne dabei auch verschlossen bleiben. Kandinsky folgend kann einerseits ein Sinneseindruck rasch vergessen werden, aber auch eine ganze Kette von psychischen Erlebnissen auslösen. Offen läßt er dabei die Frage, ob seelische Vibrationen direkt durch die Farbwahrnehmung hervorgerufen werden oder durch Assoziationen, indem nämlich die Farbe Erinnerungen an andere seelische Abläufe erweckt. Indirekt spielt Kandinsky damit auf die Möglichkeit an, zu sehen, ohne zu fühlen bzw. ohne sich gefühlsmäßig durch das Gesehene berühren und stimulieren zu lassen. Er legt damit ferner den Schluß nahe, daß Menschen mit reichhaltigen inneren Bildern und Assoziation leichter bzw. tiefer auf das Farberlebnis ansprechen als solche, die einen wenig intensiven inneren Resonanzboden zur Verfügung haben.
Sowohl die Wahrnehmung wie auch die farbigen inneren Bilder tragen zu dem Gefühl bei, sich dem Leben zuzuwenden, an etwas Lebendigem teilzuhaben: Fernand Leger sagt es noch pointierter: "Die Farbe ist eine vitale Notwendigkeit, sie ist eine unentbehrliche Materie, wie das Wasser und das Feuer." Und ich möchte hinzufügen: unentbehrlich für das Lebendige wie die Gefühle als Bausteine für das Seelenleben.
Für mich als Psychoanalytikerin sind diese Überlegungen Kandinsky's besonders interessant, denn sie führen zu der Frage: ist derjenige Mensch, der durch Farben in besonderer Weise ansprechbar ist, durch bestimmte Charakterzüge kennzeichenbar? Gerade vor kurzem hatte ich Gelegenheit, dazu Frau Professor Gniech zu befragen. Aber auch sie bestätigte mir, daß es zu Fragen der Anregbarkeit durch Farbe wie auch der Bevorzugung bestimmter Farben und der Persönlichkeitseigenart eines Menschen bisher keine neueren Erkenntnisse gibt. Auch wenn bereits im Bremer Farblabor so interessante Entdeckungen gemacht worden sind, daß nämlich Farbe ohne Einsatz des menschlichen Auges über die Haut erkannt werden kann, so gibt es auch da zunächst nur erste Vermutungen, daß dies - allgemein ausgedrückt - besonders sensible Menschen sind, die diese Fähigkeit haben. Ich könnte Ihnen zwar aus meinem Feld etwas darüber sagen, welche psychischen Bedingungen in der primären menschlichen Umgebung eines Menschen vorhanden sein müßten, damit er sich als sensible, aufnahmebereit für Neues etc. entwickelt. Dies jedoch scheint mir für Ihre Frage wenig hilfreich.
Gestatten Sie mir, auf einen speziellen Bereich der Goethe'schen Farbenlehre einzugehen. "Die Erfahrung lehrt uns, daß die einzelnen Farben besondere Gemütsstimmungen geben." sagt Goethe und hebt an, die unterschiedlichen Gefühlsqualitäten auszuführen, die er verschiedenen Farben zuschreibt. Um sich aber die volle Wirkung einer Farbe zu vergegenwärtigen, muß - so fordert Goethe - das Auge ganz und gar mit einer Farbe umgeben sein, so daß man sich völlig mit dieser Farbe identifizieren könne und sie Auge und Geist mit sich unisono stimmen kann.
Ich meine dagegen, wir stoßen bei der Forderung, sich ganz und gar mit einer Farbe zu umgeben, z.B. bei dem Versuch, nur "Rot" zu denken, an Grenzen. Es ist, als wollten wir uns einem Geisteszustand überlassen, der ohne Gedanken ist, ohne Bedeutung, ohne Vergehen von Zeit, also völlig ohne Struktur. Aldous Huxley erinnert dieser Zustand, den er allerdings unter der Einwirkung von Meskalin erlebt, an die "Istigkeit" Meister Eckhardts, an das reine Sein der platonischen Philosophie, eben an einen Zustand ohne Bedeutungsverleihung, bei dem der geistige Akt der Reflektion fehlt. Hier würde die Farbe nur so wirken, wie sie in der individuellen Seele eine unbewußte Gestimmtheit zum Klingen bringen würde. Steiner drückt es so aus: "...daß der Mensch niemals sein Ich hätte ausbilden können, wenn er im Farbenmeer geblieben wäre und sich nicht aus ihm erhoben hätte."

5. Von der reinen Farbe zur Farbgestaltung

Formen werden in unserem Gesichtsfeld erst durch die Unterschiedlichkeit von Farben geschaffen; sie sind vom Wahrnehmungsstandpunkt aus gesehen erst sekundäre Phänomene; sie sind Konturen, die unvermeidlich erst durch die Uneinheitlichkeit der Farben entstehen.
Die Kontur - so sagt die englische Psychoanalytikerin Marion Milner - ist eine besondere Sache, sie trägt erst zur Schaffung der Abgrenzung von Innen und Außen bei, und trägt - so möchte ich ergänzen - erst über die mögliche Erschaffung von Form zur Schaffung einer Struktur bei. Insofern ist Farbe nicht ohne Form denkbar, Form nicht ohne Farbe wahrnehmbar.
Die französische Psychoanalytikerin Gagnebin führt aus: "Jede Farbe, die Kräfte freisetzt und Erregung auslöst, ist gleichsam von Natur aus dazu bestimmt, sich mit einem anderen Farbton zu verbünden oder sich gegen ihn abzusetzen; denn die Farbe existiert nur durch den Kontrast oder durch die kunstvoll eingerichteten Übergänge zu anderen Farbtönen."... "Daraus folgt, daß eine Farbe, wenn sie denn ihre ganze Fülle entfalten soll, in gewisser Weise die Abhängigkeit einer Rivalin suchen muß, mit der sie eine komplementäre oder antagonistische Beziehung unterhält. Durch diese ihre virtuell antagonistische Eigenschaft scheint die Farbe zur Hervorhebung von (psychischen) Konflikten besonders geeignet."
Die Parallele zum Seelenleben, genauer gesagt zum Entstehen seelischer Struktur, drängt sich hier auf: Freud sagt: "Wo Es war, soll Ich werden.", das Unbewußte soll also bewußt werden. Das "reine" Farberlebnis hat im Bereich des Archaischen, Unbewußten, Unsymbolisierten, Prälogischen und Ungedachten seinen Ursprung und wird erst durch Assoziation wie auch Symbolisierung und gedachten Gedanken zu einer bewußten Empfindung. Der Psychoanalytiker Danckwart ist, wie er mir persönlich mitteilte, nach seiner Untersuchung von Itten's Farbenlehre zu dem Schluß gekommen, daß Farben eine Extension (keine pathologische Projektion, sondern im Sinne eines Gedächtnisses) von psychischen Regulationen sind, insbesondere der langfristigen affektiven Grundbefindlichkeiten.
Wir können also Farben als eine Art Repräsentant von unbewußten Affekten, eine Art Ursubstanz menschlichen Seelenlebens bezeichnen, als etwas, was ursprünglich aus dem Außen kam und im Innen eine Resonanz hervorrief.
Die Farben unterliegen dort einer psychischen Bearbeitung, gewissermaßen in vielerlei Schichten und werden nun auch zum Werkzeug des "Seelenkünstlers". So möchte ich jedes Individuum nennen, das nicht nur als Künstler Bilder erschafft, sondern seine eigene Innere Welt mit Farb- und Formgebung gestaltet.
Das würde bedeuten, daß der Farbgestalter, der Künstler, vom Beobachter eine Kommunikation erzwingt, nämlich Einblick in sein inneres Geschehen zu nehmen. Gleichzeitig können wir aber auch den kreativen Prozeß als einen Versuch sehen, mit sich selbst in einen Dialog zu treten, um besser zu verstehen.
Auch wenn schon die Wahrnehmung einer einzigen Farbe ein ästhetisches Erlebnis sein kann, so haben wir es bei einem Kunstwerk selten mit einer einfachen Reaktion auf eine einzige Farbe zu tun. Unsere Beurteilung hängt davon ab, ob Farben harmonisch oder dissonant zusammengestellt sind.
Aber woher rührt die Formgebungskraft und -vorstellung, woher die innere Farbgebung, die im Akt des Malens und Gestaltens in das Außen verlegt wird?
Können wir das aus Farben erschaffene Bild als konkretisierte Erfahrung unbewußter Gefühle verstehen? Und könnte dann der schöpferische Akt auch als ein Vorgang der Externalisierung von unbewußten Konflikten zu verstanden werden?
Wenn wir also unbewußte innere Farben als Repräsentanten von Affekten verstehen, die - Gagnebin folgend - die Tendenz haben, sich zusammenzutun oder sich gegeneinander abzusetzen und demzufolge ein Verständnis eines Konflikts ermöglichen, dann ist es nur plausibel, wenn Danckwart am Beispiel von Klee aus führt, wie er dessen frühere Hemmung gegenüber den Farben als Unvermögen interpretiert, die Intensität seiner Affekte zu handhaben. Klee mühte sich in seiner Entwicklung sehr darum, den "Bann" zu brechen, der für ihn auf der Farbe lag; dieser ist psychoanalytisch als unbewußte Verknüpfung früherer Farberfahrungen mit dem Material "Farbe" zu verstehen. Erst so konnte es zum viel beschriebenen "Durchbruch" der Farbe kommen, und auch zu seinem Ausspruch: "Ich und die Farbe sind eins. Ich bin der Maler." (1914) (zitiert nach Danckwardt, 1999).

6. Die Bedeutung der Farbe für seelische Innenräume

Verschiedene Farben können nicht nur unterschiedliche Gemütszustände hervorrufen. Wie bereits eingangs aufgeführt ist es uns in unserer kulturell determinierten Alltagssprache durchaus geläufig, Farbe bzw. Farbigkeit wie auch unbunte Farben zur Beschreibung von Gemütszuständen heranzuziehen.
So wird bunt und farbig eher mit der lebendigen Seite des Lebens assoziiert. Eine "farbige" Beschreibung kann auf Vielfalt und u.U. Heiterkeit hindeuten. Etwas, was als "farblos" bezeichnet wird, wird mit blaß, nichtssagend gleichgesetzt.
Demgegenüber ist das Dunkle oder gar Schwarze eher mit etwas Bedrückendem, Traurigem, Leblosem oder gar Totem verbunden. Man spricht in der Umgangssprache davon "eine dunkle Zeit gehabt zu haben", "in ein schwarzes Loch gefallen zu sein" und verbindet damit häufig depressiv-hoffnungslose Seelenzustände. So schreibt George Sand in einem Brief an Delacroix: "Als ob das große Schwarz, das wir in uns tragen, etwas wie den Horror und die Leere des Todes repräsentiere." (17.VIII.1840).
Im künstlerischen Akt ausgedrückt, wie etwa das "Schwarze Quadrat" von Malewitsch (1914/15), kann es aber auch die Lossagung von etwas Altem, Überkommenen und damit die Hinwendung zu etwas Neuem bedeuten, wenn der Künstler z.B. sagt: "Das schwarze Quadrat auf weißem Grund ist die erste Form, die das Gefühl des Nicht-Vorhandenseins des Gegenstandes ausdrückt." Die tödliche Bedeutung ist hier erhalten, aber dialektisch mit der Hinwendung zu etwas Neuem verbunden.
Eine der Theorien, die für die psychologischen Kunstbetrachtung angewendet wird, ist die Psychoanalyse Freud's. Sie ist diejenige Theorie vom menschlichen Seelenleben, die sich in besonderer Weise - 100 Jahre nachdem sich Goethe mit der Farbenlehre zu beschäftigen begann - eines subjektiven Zuganges bedient. Obwohl die Psychoanalyse wesentlich von der Sprache lebt, zeigt sie uns aber in besonderer Weise, daß die logischen Elemente möglicherweise weniger wichtig sind als die prälogischen, auch präverbalen Elemente des Psychischen, die ja auch zu einem großen Teil die Art der Wahrnehmung determinieren, wie viele psychoanalytische Untersuchungen zur Kunst und Musik zeigen. Der französische Analytiker Christian David sagt: "Ein Analytiker steht mit einem Bein im (farbigen) Bild, mit dem anderen in der Sprache."
Wir können sagen, daß sich der seelische Innenraum auf zwei Wegen Ausdruck verschafft, über den kreativen Akt im Kunstwerk wie auch im Traum. Freud selbst hat in seinem Werk der Bedeutung von Farben keine Aufmerksamkeit geschenkt. Lediglich in dem von ihm geschaffenen Weg, menschliche Träume zu analysieren, die er als Königsweg zum menschlichen Unbewußten sieht, kommt der Farbe, wie sie in der subjektiven Bedeutung verwandt wird, eine Bedeutung zu. Während die "realistische" Wahrnehmung der Farben eine Konstante unseres Wachlebens ist, vermischen sich Resonanz der Gedächtnisspuren mit imaginativ-kreativen Produktionen unseres nächtlichen Farberlebens. Wann auch immer Farbe im Assoziationsfluß oder Traum auftaucht, dient sie dem Analytiker als Signal der Arbeit des Unbewußten. Farbe ist als intermediär zu betrachten, zwischen sensibler Qualität und einer unbewußt triebhaften Repräsentanz wirkend.
In Freuds Traumdeutung gibt es einige Beispiele von farbigen Träumen, wie z.B. den der "botanischen Monographie", wo Freud explizit von "dem Grün, in dem gelbe Blumen waren" berichtet.
Das individuelle Unbewußte fungiert als Regisseur der Träume; aber auch als Künstler und Maler der farbig ausgestalteten Traumszene. Machen wir uns an die Aufgabe der Rückübersetzung des Traumes, so kann die Farbe für das einzelne Individuum die Funktion einer Sprache übernehmen: indem eine von Kultur und überindividueller Symbolik losgelöste individuelle Symbolik existiert, kann über sie eine hochspezifische, meist unbewußte Bedeutung von Farben herausgearbeitet werden.
Die chromatische Wahrnehmung fungiert gewissermaßen wie ein Vorposten zwischen der Außen- und Innenwelt; oder, anders betrachtet, kann sie auch als eine Art Vermittler zwischen Innen und Außen gesehen werden.
Danckwart sieht Farben im Traumleben als Markierungspunkte eines Oszillationspunktes von großer Dringlichkeit, und zwar zwischen Übertragung und Neuschafffung, dies allerdings unter der Voraussetzung, daß man sich von der vulgären Symbolbedeutungsebene bei Farben löst, denn "unanalysierte" Farben gehen fast immer auf frühe, individuelle Farberfahrungen zurück, so erklärte er mir, so daß einige Analytiker die Dominanz von Farberlebnis im Traum als Hinweis auf eine früh zu datierende seelische Störung bewerten.

Lassen Sie mich schließlich ein Beispiel aus einer psychotherapeutischen Behandlung unter die Lupe nehmen, das ich - aus Diskretionsgründen - Kreitler und Kreitler entlehnt habe.
Eine 30-jährige Frau kommt wegen Kopfschmerzen und exzessiver Unfallneigung zur psychotherapeutischen Behandlung. Aus dem, was sie berichtet und ihr spontan einfällt, wird eine besondere Beziehung zur Farbe violett deutlich: einerseits kleidete sie sich bevorzugt in dieser Farbe, gab aber andererseits zum Ausdruck, daß sie sich dadurch besonders nervös und unwohl fühle, diese Farbe sogar an anderen Menschen heftig ablehnte. Darüber hinaus war ihr unerklärlich, warum sie speziell zu den therapeutischen Sitzungen gerade eben nicht in dieser Farbe gekleidet erschien. Ihre Assoziationen dazu kreisten einerseits um Freiheit, andererseits um starke Eifersucht, ohne daß die Zusammenhänge weiter geklärt werden konnten.
Erst nach einiger Zeit, als sie erstmals in violett gekleidet in die Sitzung kam, half ein Versprecher Licht in das Dunkel zu bringen: Sie sagte: "Look, I am totally dressed in violent." Im Englischen ist violett und violent = gewalttätig klanglich sehr ähnlich. In der diesem Ausspruch folgenden Stunde erinnerte sie erstmals, daß ihre jüngere Schwester im Alter von 5 Jahren ein violettes Kleid trug, als sie von einem Auto überfahren und dabei getötet wurde. Die Patientin erinnerte sich sehr lebhaft, wie eifersüchtig sie damals auf die Schwester gewesen sei, angenommen hatte, daß sie von den Eltern bevorzugt würde und sich wegen der daraus entstandenen Todeswünsche gegen die Schwester immer schuldig gefühlt hatte. So konnte erarbeitet und bewußt gemacht werden, daß ihre Schuldgefühle gegenüber der Schwester dazu beitrugen, sich bevorzugt in violett gekleidet den sich wiederholenden Identifikationen auszusetzen, zur Bestrafung fast zu sterben, wie es die Schwester getan hatte.

Greifen wir abschließend noch einmal den zitierten Auspruch Klee's auf: "Ich und die Farbe sind eins." Darin ist eine Ungetrenntheit zwischen seelischer Innenwelt und Farbassoziation ausgedrückt, die wir bei Cézanne und anderen Künstlern ganz ähnlich formuliert wiederfinden. Die Fähigkeit des Künstlers, einen Zugang zu seinen unbewußten Phantasien, Affekten und Konflikten zu finden, und dem, was er dort drängend fühlt, Ausdruck zu verleihen, ist seine ganz besondere Gabe. Wie jeder Träumer für seine Träume verantwortlich ist, ist es auch jeder Künstler für seine Kunstwerke. Insofern macht uns sein Beispiel etwas zugänglich, was in allen Menschen existiert, ohne daß sie es jedoch alle in einem künstlerischen Akt ausdrücken.

Literatur
Berlin, B.&Kay, P.: Basic Color Terms, University of California Press, Berkeley
Danckwardt, J. F.: "Ich muß dereinst auf dem Farbklavier der nebeneinanderstehenden Aquarellnäpfe frei phantasieren können" (Paul Klee 1910) - Ein Beitrag der Psychoanalyse zum Verständnis der verzögerten Farbentwicklung bei Klee, In: Schneider, 1999
David, C., Artières, M., Hersant, Y., Gagnebin, M., Rabaté, J.M.: Question de Coleurs, IXième Rencontres Psychanalytiques d'Aix-en-Provence, 1990
Freud, S.: Die Traumdeutung, Frankfurt, Imago, 1987
Gage, John: Kulturgeschichte der Farbe, Otto Maier, Ravensburg, 1993
Goldstein, K.&Jablonski, W.: Über den Einfluß des Tonus auf Refraktion und Sehleistung, Graefes Archiv für Ophtalmologie 130, S. 395-410, 1933
Steiner, R. (Hrsg.): Goethes Farbenlehre, Stuttgart, 1988
Heiss, R.&Halder, Petra: Der Farbpyramidentest, Bern, 1975
Heller, E.: Wie Farben wirken, Rowohlt, Reinbeck, 1989
Huxley, Aldous: Die Pforten der Wahrnehmung, Insel-Verlag, München, 1964
Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst, Benteli Verlag, Bern, 1952
Milner, M.: "L'Inconscient et la peinture", P.U.F., 1976
Schneider, G. (Hrsg.): Psychoanalyse und bildende Kunst, edition diskord, Tübingen, 1999
Schneider, G.: Das "Schwarze Quadrat auf weißem Grund" von Kasimir Malewitsch - ein identitätstheoretisch fundierter psychoanalytischer Zugang zum Suprematismus, In: Schneider, 1999.
Steiner, Rudolf: Das Wesen der Farben, Dornach, 1993


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